REAL TALK || NEIN, ICH RASIER MIR DIE ACHSELHAARE NICHT

REAL TALK ||  NEIN, ICH RASIER MIR DIE ACHSELHAARE NICHT

Du denkst dir jetzt sicher “What the fuck?”. Das hat sie jetzt nicht ernsthaft als Titel geschrieben? Ist das ein Scherz? Nein, es ist keiner. Sind die Fotos bearbeitet? Nein, sind sie nicht.

“Igitt, Achselhaare.” , “Du Hippie.”, “Stinkt das nicht?”, “Rebecca, kannst du etwas für mich ändern? Du bist eine Frau, du musst bestimmte Regionen deines Körpers rasieren. Bitte.”  “Das gehört halt zu dir, aber ich mag dich trotzdem.” ICH MAG DICH TROTZDEM???

Das ist nur ein winzig kleiner Ausschnitt an Kommentaren, die ich in den letzten sechs Monaten zu meinen Achselhaaren bekommen habe. Wobei man hier anmerken muss, das 90% dieser Sätze in Nordamerika ausgesprochen wurden, in der westlichen Welt. Mit all ihren Schönheitsidealen und Oberflächlichkeiten. In Mexiko, Costa Rica und Panama bekam ich ganz anderes zu hören. Immer nach dem Motto “Yeah, you don´t give a shit!”. 

Insgesamt spürte und erlebte  ich überall die Mischung aus Lachen, Enttäuschung, Aufklärung und Frustration. Lachen, aus Scham und Verwunderung. Enttäuschung darüber, dass ich doch nicht zu 100% heiß und weiblich bin. Aufklärung darüber, dass mein Körper eben nur mein Körper ist – mit allem drum und dran. Frustration anderer, dass ich mich nicht für sie und ihre Vorstellungen von meinem neu gewonnen Weg loslöse.

In Mexiko bekam ich die ausschlaggebende Inspiration für meinen Wandel. Frida Kahlo und ihre Monobraue inspirierten mich dazu, mich jenseits von der Vorstellung der Gesellschaft zu lieben. Sexy zu fühlen. Frei zu sein. Die größte Freiheit ist die Innere. Sie ist auch die am Schwersten zu Erreichende. Denn wir stehen uns selber im Weg. Mit Vorschriften und Regeln, die nicht existieren. Vor genau sechs Monaten entschied ich mich also dazu, den Rasierer zu verbannen.

Welch große Bedeutung das Thema Körperhaare hat, das lernte ich bisher in meinem Leben vor allem an mir selbst. Ich war, wie wohl alle weiblichen Leser, besessen davon glatt zu sein. Überall. Jederzeit. Meine Beine rasierte ich ein- bis zweimal täglich. In Wien besuchte ich alle drei Wochen das Waxing-Studio meines Vertrauens. Es machte mich wütend und verletzlich, dass ich trotzdem als Frau mit iranischer Abstammung nie länger als ein paar Stunden vollkommen glatte Haut vorweisen konnte. Als ob es ein Schönheitsmakel ist. Als ob ich dadurch weniger wert bin. 

Der Grund für meine Entscheidung ist demnach eine Art Selbsttheraphie. Die ersten zwei Wochen waren gewöhnungsbedürftig. Dann stelle ich fest “Hey, die Haare sind fein und haben nichts mit Ungepflegt sein zu tun. Ich entwickelte, so absurd es scheint, dank der Haare ein neues Selbstbewusstsein. Was zuerst ein Kampf für die Freiheit für mich war, war plötzlich ständig Thema in meinem Umfeld. Ungefragt teilte mir jeder, ob Mann oder Frau, die Meinung mit. Doch diese Folge ist, trotz zeitintensiver Diskussionen (wir sprechen hier noch immer von nichts außer Haaren) egal. Denn meine Selbsttherapie war erfolgreich. Inzwischen bin ich befreit von der Besessenheit der seidenglatten Achseln. Warum ich mich weiterhin nicht rasiere? Als Statement. Als weitere Challenge an mich selbst und gegen das “Schafsdenken” der Menschen.

achselhaare

Es ist so absurd, das Achselhaare überhaupt ein diskussionswürdiges Thema sind. H&M zeigt im neuen Werbespot eine Frau mit Achselhaaren. Brauchen wir erst einen riesigen Konzern, der uns zum Umdenken anregt? Neuerdings ist “anders sein” cool und In. Versuchen wir es stattdessen doch einfach mal mit “frei sein”.

Ich verstehe das wir ein gepflegtes Äußeres gut finden. Aber wieso assozieren wir Beinhaare, Achselhaare, Pohaare mit ungepflegt? Die Haare die ich auf meinen Armen habe oder meinen Augenbrauen habe sind doch auch nicht widerlich, oder? Worauf ich hinaus möchte ist, dass es letztlich nicht darum geht wo die Haare wachsen. Es geht darum, den Horizont zu erweitern und frei zu denken. Mach doch was du willst!!! 

Nein, wir müssen unseren Körper nicht in einen Urwald verwandeln. Auch barfuß und nackt ist 24/7 doch etwas schwer umzusetzen. Doch sich auch mit Körperhaaren wohl zu fühlen, sollte doch nicht zu schwer sein. Mal ganz ehrlich, es gibt Wichtigeres – oder?  Natürlich kann man sich von oben bis unten waxen, sich die Augenbrauen zupfen, die Nasenhaare entfernen und sich dann erst schön finden. Mit im Paket: Die Besessenheit. Mehr. MEHR. Den Wohlfühlzustand davon abhängig zu machen, ob die Beine rasiert sind, ist gelinde gesagt: absurd. Umso weniger Energie in die äußere Perfektionierung fließt, umso mehr Zeit bleibt für essenzielle Gedanken und Tätigkeiten.

Die Balance ist wichtig. Gepflegt sein, aber eben nicht Besessen. Und einen Furz geben, ob jemand Achselhaare hat. Einen Furz geben, ob Mann oder Frau rasiert sind. Es geht nicht darum, nie wieder zum Rasierer zu greifen,  sondern seine Zwänge zu bekämpfen. Die psychologische Sucht zur Körperoptimierung beginnt für viele erst bei kosmetischen Operationen. Bei mir beginnt sie mit Zwängen.

 

Setzten wir uns doch Frida Kahles Gedanken zum Ziel: In this world I was the closest version of me.

 

 

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