ESSSTÖRUNG || WARUM SIE MICH MEIN LEBEN LANG BEGLEITET

ESSSTÖRUNG  || WARUM SIE MICH MEIN LEBEN LANG BEGLEITET

Es ist an der Zeit für ein unangenehmens Thema. Lara bricht heute nicht unbedingt mit einem Blogger-Tabu, doch auf jeden Fall mit einem gesellschaftlichen Tabu.

Nein, es ist nicht angenehm meine Geschichte zu veröffentlichen. Selbst wenn ich meine Krankheit nicht genau beschreibe. Ich weiß, dass diese Zeilen von Menschen gelesen werden, die damit nicht umgehen können. Doch ich bin es leid, keine Stimme zu haben. Wir reden über alles: Sex, Träume, Peinlichkeiten. Sogar ehemalige Tabu-Themen wie Depression sind zum Small Talk Thema mutiert. Aber das jemand Probleme mit dem Essen hat, etwas so Alltäglichen, wird nicht gerne gehört. Es kann doch nicht so schwer sein. Iss doch einfach normal. Menschen, die mich über alles ausfragen, jede noch so intime Story über mein Leben wissen wollen, verstummen, sobald es zu diesem Teil meines Lebens kommt. Ich akzeptiere das und schätze diese Personen trotzdem sehr. Denn jeder kann nur das, was er eben kann. Es ist okay. 

Und am Ende habe ich Halt durch soziale Medien bekommen. Jene virtuelle Welt die, vor allem wenn es um gesellschaftlichen Schönheitszwang geht, so sehr verurteilt wird. Doch es gibt auch eine andere Seite, eine andere Bewegung. Und es gibt Gleichgesinnte, die dank der Anonymität den hart antrainierten Schutzmantel fallen lassen.

Ich weiß nicht, ob ich je gesund sein werde. Ich weiß auch nicht, welcher Mensch ich ohne meine Essstörung wäre. Sie hat mich sehr stark gemacht. Vielleicht zu stark, zu hart. Ich bin hart mit Anderen, weil Probleme für mich nicht gleich Probleme sind. Solange man gesund ist, sollte doch alles ganz einfach sein? Wenn man etwas haben will, kämpft man eben dafür. Natürlich ist das Leben überhaupt nicht so und jeder hat seinen eigenen Rucksack zu tragen. Dies musste ich erst wieder lernen. Offen und vollkommen vorurteilsfrei auf Menschen einzugehen. Heute ist es besser. Nicht die Krankheit. Aber mein Umgang mit ihr.

Es gibt Tage, Wochen und manchmal sogar Monate, in denen ich ein ganz normales Leben führe. In denen mir niemand etwas anmerkt. Es ist auch nicht so, dass ich in diesen, in den guten Zeiten, etwas verstecke. Denn ich führe ein ganz normales Leben. Ich arbeite, ich studiere, ich gehe mit Freunden Essen, ich reise, mache Sport und bin einfach glücklich.

Und dann gibt es Zeiten, dunkle Zeiten, in denen jeder Tag ein Kampf ist. In denen ich mich verstecken will, vor allem. Alleine, in meinem Bett. Kein Mensch bringt mich aus diesem Abwärtsstrudel. Außer Rebecca. Sie ist eine der wenigen Menschen, die sofort merken, wenn ich mich verändere. Mich wieder verwandle. In die andere Lara. Wobei die andere Lara nicht schlecht ist. Sie geht einfach nur anders mit Gefühlen um. Sie nimmt einen selbstzerstörerischen Weg. Viele Menschen durchleben ähnliche Phasen. Und wenn es nicht Essen ist, ist es vielleicht Alkohol oder eine schädliche Beziehung. Brauchen wir nicht alle ein wenig Schmerz, um uns zu fühlen?

Der Wendepunkt von Phase A zu Phase B ist der Moment, in dem ich zusammen breche. Manchmal passiert es mitten im Supermarkt oder in der Straßenbahn. Dieser Punkt kommt ohne Warnung und mit voller Wucht. Ich weiß dann, dass es vorbei ist. Bis es wieder von vorne losgeht.

österreichische Bloggerin

Ich werde oft gefragt, warum ich so glücklich bin. So positiv, immer gut gelaunt, strotzend vor Energie. Das liegt daran, dass ich mein Leben wirklich schätze. Ich schätze jeden Tag, an dem ich gesund bin, unglaublich. Ich genieße ihn mit jeder Faser meines Körpers, ich sauge ihn förmlich auf. Ich habe wenig Ängste und bin ein risikobereiter Mensch. Ich sage heute mehr „Ja“ als „Nein“. Es ist eine gefährliche Theorie zu behaupten, erst diese schlimmen Zeiten machen mich wirklich glücklich. Doch für mich ist es so. Natürlich möchte ich gesund werden. Doch ich habe auch Angst. Wird ein neutrales Leben jemals so gut werden wie mein Extremes?

Jede Person, die sich in diesen Zeilen wieder findet, der kann ich sagen: Es gibt Hilfe. Es gibt Therapien. Es wird besser. Und wenn du denkst, es kann nicht härter werden. Dann wird es am nächsten Tag vielleicht noch härter. Doch am Übernächsten ist alles gut. Wir besitzen eine unglaubliche Kraft. Die Kraft uns selber zu helfen. Zu erkennen was wir brauchen, um uns wieder zu spüren. Um uns wieder lebendig zu fühlen. Finde raus was dich lebendig fühlen lässt.

 

Über die Autorin

6 Comments

  • Laura Mai 16, 2017 at 7:19 pm

    Hey.
    Ich finde es sehr schön und bewegend wie du schreibst und deinen Mut sehr bewundernswert !
    Ich bin selbst magersüchtig gewesen und schreibe seit ein paar Tagen einen Blog, weil auch ich meine Erfahrungen teilen will. Es ist so wichtig, über dieses Thema nicht immer nur zu schweigen und weg zu schauen!
    Liebe Grüße
    https://wegausmeinermagersucht.blogspot.de/

    • mm
      Moresmore Mai 17, 2017 at 10:35 am

      Hey Laura,
      danke für dein Kommentar & dein schönes Kompliment. Da hast du absolut Recht: Schweigen und Wegschauen hilft weder
      uns Betroffenen noch Angehörigen.
      Liebe Grüße!
      Lara

  • Rebecca April 9, 2017 at 3:55 pm

    Du sprichst mit diesem Text denke ich sehr vielen Menschen aus der Seele. Auch ich habe das durch, habe heute noch immer wieder dunkle Tage aber bin mittlerweile soweit das ich weiß wie unheimlich stolz ich auf mich sein kann und wie ich meine Krankheit größtenteils besiegt habe. Nein, vollständig gehen wird sie vermutlich nie aber das ist okay. Ohne meine Vergangenheit wäre ich heute nicht die, die ich bin.
    Du bist so wundervoll! In dieser riesigen Internet-Welt wirklich was ganz besonderes. Ich wünsche dir viele sonnige Tage.
    Ganz viel Liebe, Rebecca

    • mm
      Moresmore April 12, 2017 at 10:39 am

      Liebe Rebecca,
      vielen vielen Dank für deine schönen Worte und weiterhin so viel positive Vibes, wie du sie mit deinem Kommentar weitergibst <3 - Lara

  • Jule April 7, 2017 at 10:53 am

    Liebe Lara,
    ich finde es inspirierend wie du deine Essstörung beschreibst und ich weiß genau was du meinst. Und vor allem kenn ich es, dass einen Menschen in dieser Sache einfach nicht verstehen könne. Und das müssen sie vielleicht auch nicht unbedingt. Wichtig ist, dass man sich bewusst ist über seine Störung und nur so kann man sich auch immer wieder aus diesen Phasen rausholen. Und trotzdem denk ich, dass so etwas wie eine Essstörung sich wie ein Parasit in unseren Kopf einnistet. Ab und zu bemerken wir ihn kaum und auf einmal ist er sehr präsent und überrollt einem mit einer Welle von Verzweiflung. Ich bezweifle auch, dass ich jemals wieder ein komplett normales Essverhalten mit einem guten Gefühl bekomme….aber ich versuche es als tägliche Herausforderung zu sehnen, mich wahrzunehmen und diese Seite an mir zu akzeptieren. Jeder Mensch kann eine Essstörung entwickeln und es passiert so schnell. Früher hab ich immer gesagt ich verstehe Magersüchtige nicht, aber heute weiß ich wie sich extremes Essverhalten anfühlt und wie schnell es Besitz ergreifen kann von unserem Verstand. Danke, dass du dich traust darüber zu schreiben! Bestimmt erkennen sich neben mir noch viele darin wieder und fühlen sich verstanden.

    • mm
      Moresmore April 7, 2017 at 12:31 pm

      Liebe Jule,
      vielen Dank für deine schönen und sehr sehr wahren Worte. Und du hast absolut Recht: sie müssen es nicht. Es tut so wahnsinnig gut, durch diesen Artikel Geda ken von „Gleichgesinnten“ zu lesen. Das macht es, so morbide es klingen mag, ein wenig einfacher, weil man das Gefühl hat nicht alleine damit zu sein. Genau, ich denke ein langfristiger Anti-ES-Plan führt nur zum Gegenteil. Jeden Tag schätzen, jeden kleinen Schritt als Erfolg zu sehen..das ist doch einer der Schlüssel zum Erfolg. Wünsche dir alles Gute <3 - Lara

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